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Die oströmische Geheimwaffe

Bibliographie

Das sogenannte "Griechische Feuer", die erste chemische Waffe im modernen Sinne, wird erstmals von Theophanis Confessor (geb. Mitte 8. Jh. - gest. 818) erwähnt, und zwar im Zusammenhang mit der ersten Araber-Belagerung Konstantinopels (674 - 678), bei der es als eine Erfindung des Kallinikos dargestellt wird.

Die west-europäischen Bezeichnungen "Griechisches Feuer", "Greek Fire" oder "Feu grégeois" sind unkorrekt, denn sie sind nicht die genaue Übersetzung des griechischen Begriffs "Hygrón Pyr", was flüssiges Feuer bedeutet. Diese Bezeichnungen kamen wohl in Mode durch die Kreuzfahrer, die im Orient erstmals mit verschiedenen Feuerwaffen in Kontakt kamen und jede dieser zahlreichen Waffen ohne Unterschied "Griechisches Feuer" genannt haben.

Wir wollen den korrekten Begriff Flüssiges Feuer gebrauchen, den die Oströmer in ihren Quellen bisweilen auch durch Römisches Feuer oder Seefeuer ersetzt haben.

In der Tat ist viel geschrieben und phantasiert worden über das sogenannte "Griechische Feuer" und nicht jeder Schreiber wußte wohl genau, ob er nun über das Flüssige Feuer oder eine der anderen Feuerwaffen berichtete, welche im orientalischen Raum seit der Antike durch die Lüfte flogen. Die Oströmer selbst wendeten mehrere Feuerwaffen an und auch die Araber waren versiert im Gebrauch von derartigen Waffen, wie z. B. von Granaten und Ähnlichem.

Leider wissen auch moderne Historiker nicht immer, wann eine Quelle vom Flüssigen Feuer oder eine der vielen anderen Feuerwaffen spricht. Deshalb ist es wichtig, sich an die byzantinischen Quellen zu halten, welche uns einige wertvolle, wenn auch wenige Informationen zu dieser Waffe geben. Diese Quellen erwähnen nichts von der chemischen Zusammensetzung, die ein Staatsgeheimnis war und weswegen die Phantasie vieler Schreiber weiterhin angeregt wurde.

Das Flüssige Feuer wird bei Seeschlachten angewendet. Den griechischen Hauptquellen - Theophanis Confessor, Kaiser Leon VI, Anna Comnena - folgend, handelt es sich dabei um einen Flammenwerfer, welcher eine erhitze Flüssigkeit durch eine lange kupferne Röhre, den sogenannten Siphon, von den byzantinischen Kriegssschiffen, den Dromonen, abschleudert.

Die Siphone werden vom Siphonator gehandhabt und sind schwenkbar. Dadurch kann in Kürze jedes feindliche Schiff angezündet und vernichtet werden, denn die abgefeuerte Flüssigkeit ist nicht löschbar. Sie hat den Effekt von Napalm-Brandbomben.

Diese Flüssigkeit, deren Rezept nur den Oströmern bekannt ist, wird vorher in großen Kesseln auf den Dromonen erhitzt und dann vom Siphonator durch einen bestimmten Mechanismus entzündet, wobei eine Explosion entsteht.

Einen guten Eindruck von der Waffe bekommt man von der oben abgebildeten Miniatur des Johannis Skylitzes aus dem 11. Jahrhundert, welche sich heute in der Nationalbibliothek zu Madrid befindet.

Laut den Taktika des Kaisers Leon VI (886 - 912) gebrauchen die Byzantiner gleichzeitig drei Arten von Feuerwaffen:

Mit dem Flüssigen Feuer vernichten die Oströmer zur Zeit der beiden Araber-Belagerungen Konstantinopels (674 - 678 und 717 - 718) fast die gesamte arabische Flotte. Auch in den folgenden Jahrhunderten wird die Waffe mit Erfolg gegen die Feinde des oströmischen Kaiserreichs angewendet.

Die Araber sind bestrebt, das Geheimnis der Byzantiner zu lüften, jedoch ist das von ihnen entwickelte Arabische Feuer weniger verheerend und wird wohl auch nie gegen die oströmische Flotte eingesetzt. Die Araber schleudern ihr Feuer mit Ballisten oder schwenkbaren Armbrüsten ab.

Die Zusammensetzung des oströmischen Flüssigen Feuers hat viele Historiker beschäftigt.

Da ein lateinischer Text des Marcus Graecus mit einem Rezept zu einem "Griechischen Feuer", das Liber Ignium, auf uns gekommen ist, welcher jedoch nicht genau datierbar ist, nehmen viele Historiker an, es handle sich um das Rezept des Flüssigen Feuers.

Es handelt sich bei diesem Text wohl um eine Abschrift eines älteren griechischen Originals, das wahrscheinlich durch arabische Vermittlung in den Westen gelangt ist. Somit kann nicht vom Flüssigen Feuer die Rede sein, dessen Herstellung den Arabern unbekannt bleibt, sondern nur von einer der vielen mittelalterlichen Feuerwaffen des Orients, deren Herstellung nie ein Geheimnis war.

Jedoch können wir uns aufgrund des Marcus-Graecus-Textes eine ungefähre Vorstellung über die wohl wesentlichen Bestandteile des Flüssigen Feuers machen, nämlich Petroleum oder Naphtha, Salpeter, Schwefel und Harz.

Das Petroleum bzw. das Naphtha dient als Grundverbrennungsmittel; der Salpeter und der Schwefel dienen der Sauerstoffzufuhr und sorgen für eine intensivere Verbrennung, außerdem machen sie das Gemisch schwer löschlich; das Harz macht die Flüssigkeit klebrig und somit vernichtender.

Einige Historiker zweifeln daran, daß die Byzantiner schon Salpeter gewinnen können. Jedoch wissen wir von antiken Quellen, z. B. von Julius Africanus zu Beginn des 4. Jahrhunderts n. Chr., daß es möglich war.

Das Flüssige Feuer wird etwa fünf Jahrhunderte, bis in die Zeit des 4. Kreuzzugs zu Beginn des 13. Jahrhunderts angewendet, als der langsame Untergang des oströmischen Reiches beginnt und auch die natürlichen Vorkommen des Naphthas im Kaspischen Meer und in Georgien schwerer zugänglich werden.

Im gesamten Mittelalter sind die flammenwerfenden Siphone der Byzantiner als Vernichtungswaffe so gefürchtet wie die Atombombe in unserer Zeit, so ungeheuer groß ist der psychologische Effekt dieser Waffe. Und jedesmal, wenn die Feinde des Oströmischen Staates mit irgendeiner Feuerwaffe in Berührung kommen, nennen sie es "Griechisches Feuer".

Bibliographie

Erwähnte Quellen:

Theophanis Confessor:
"Chronographia", Ed. De Boor, Leipzig 1883.

Kaiser Leon VI:
"Tactica Leonis", PG Migne, Vol. 107.

Anna Comnena:
"Alexias", Ed. B. Leib, Paris 1937 - 1945.

Marcus Graecus:
"Liber Ignium ad Comburendos Hostes", Ed. F. Hoefer, "Histoire de la Chemie", Vol. 1, Paris 1842.

Julius Africanus:
"Fragments des Cestes. Provenant de la collection des tacticiens grecs", Ed. J.-V. Vieillefont, Paris 1932.

Moderne Literatur:

C. Zenghelis:
"Le feu grégeois et les armes à feu des Byzantines" in BYZANTION 7 (1932), S. 265 - 286.

Maurice Mercier:
"Le feu grégeois, les feux de guerre depuis l'antiquité, la poudre à canon", Paris 1952.

Ellis Davidson:
"The Secret Weapon of Byzantium" in BYZANTINISCHE ZEITSCHRIFT 66 (1973), S. 61 - 74.

J. Haldon, M. Byrne:
"A possible Solution to the Problem of Greek Fire", in BYZANTINISCHE ZEITSCHRIFT 70 (1977), S. 91 - 99.

H. W. Prinzler:
"Pyrobolia. Vom griechischen Feuer, Schießpulver und Salpeter", Leipzig 1981.

E. Pászthory:
"Über das Griechische Feuer". Die Analyse eines spätantiken Waffensystems, in ANTIKE WELT 17/ 2 (1986), S. 27 - 37.

Th. K. Korres:
"Hygron Pyr" (in griechischer Sprache), Thessaloniki 1989.

Gabriele Pasch:
"Il Fuoco Greco" in ARCHEOLOGIA MEDIEVALE XXV, 1998, S. 359 - 368.

John Haldon:
"'Greek Fire' revisited: recent and current research", in Elizabeth Jeffreys BYZANTINE STILE, RELIGION AND CIVILIZATION. IN HONOUR OF SIR STEVEN RUNCIMAN, Cambridge University Press 2006, S. 290 - 325.

John H. Pryor, Elizabeth Jeffreys:
"The Age of ΔΡΟΜΩΝ: The Byzantine Navy ca. 500 - 1204", Brill Academic Publishers 2006.

Konstantinos Karotolios:
"Greek Fire: and its contribution to Byzantine might", Create Space Indipendent Publishing Platform, 2. Aufl. 2015.

Angus Konstam:
"Byzantine Warship vs Arab warship" (Duel, Band 64), Osprey Publishing 2015.

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